Der Garten Englands

Die Grafschaft Kent, südöstlich von London gelegen, bietet Gruppen zahlreiche Attraktionen.
Sanfte Hügel, bewaldete Täler, alles in satten Grüntönen, dazu angenehm milde Temperaturen – die Region Kent, die sich östlich der englischen Hauptstadt bis zum Ärmelkanal erstreckt, wird auch als „Garten Englands“ bezeichnet. Nicht nur ein Großteil des Obstes und Gemüses, das auf der Insel auf den Tisch kommt, stammt von hier. Auch Trauben, die einen „sparkling wine“ hervorbringen, der den Vergleich mit französischem Champagner nicht zu scheuen braucht, gedeihen an den lieblichen Hängen. Ebenso der Hopfen, der in zehn Brauereien in Kent in der Bierproduktion Verwendung findet.
Doch nicht nur das Klima, auch die Lage an der „front line“ prägte das Gebiet und hinterließ viele wehrhafte Burgen und Schlösser, die heute zu spannenden Entdeckungsreisen in die Vergangenheit einladen. Einer dieser Zeitzeugen ist beispielsweise Rochester Castle, eines der schönsten Beispiele normannischer Architektur in England. Mit Burggraben, schwerer Zugbrücke und Luken, durch die heißes Pech auf angreifende Feinde gegossen werden konnte, ist Hever Castle geschützt. Hat man als willkommener Besucher den früher gefahrvollen Eingang passiert, kann man die romantische Burg aus dem 13. Jahrhundert besichtigen und sich vorstellen, wie Anne Boleyn, die zweite Frau von Heinrich VIII., in diesem Gemäuer aufwuchs und wie viele Menschen versorgt werden mussten, wenn Henry hier mit seinem kompletten Hofstaat bei der Familie seiner Angebeteten Halt machte.

Schloss der Königinnen
Wesentlich einladender und lieblicher wirkt „das anmutigste Schloss auf der ganzen Welt“, wie Lord Conway, Leeds Castle, bezeichnete. Kein Wunder, denn es war bereits im Mittelalter in den Händen von sechs Königinnen. Seine letzte Privateigentümerin, die es von Grund auf renovierte, war Lady Baillie, Tochter eines englischen Lords, die von der Familie ihrer Mutter in Amerika ein Vermögen erbte. Sie verwandelte Leeds Castle Ende der 20er Jahre in einen eleganten Landsitz, den sie mit Kunstwerken und Antiquitäten ausstattete und in dem sie in den darauf folgenden Jahrzehnten viele berühmte Persönlichkeiten einlud. Schauspieler und Filmstars wie Errol Flynn, Douglas Fairbanks und David Niven gaben sich hier die Klinke in die Hand.
Auch heute wird das Schloss, in dem man das Schlaf- und Badezimmer der Königin, den Bankettsaal von Heinrich VIII. und die Räumlichkeiten von Lady Baillie besichtigen kann, noch für Hochzeiten und Tagungen genutzt und auf Wunsch seiner letzten Eigentümerin, als „lebendiges Haus“ geführt. Einen Besuch wert ist auch die weitläufige Parkanlage des Schlosses, in der prächtige exotische Vögel – darunter auch Schwarze Schwäne, Wahrzeichen von Leeds Castle – leben.

Garten der Dichterin
Ebenfalls um 1930 legten die Schriftstellerin Vita Sackville-West und ihr Mann Sir Harold Nicolson den Sissinghurst Castle Garden an, der heute zu den berühmtesten Gärten der Welt zählt. Wer die 78 Stufen des Turmes besteigt, kann sich zunächst von oben ein Bild der 160 Hektar großen Anlage machen. Der Garten ist durch Mauern und Hecken unterteilt, kleine Wege führen zu bestimmten Aussichtspunkten und durch verschiedene Themengärten. Ob Obst-, Landhaus- oder Rosengarten, ein Spaziergang durch Sissinghurst ist nicht nur für Blumen- und Pflanzenfreunde entspannend und lehrreich zugleich.

Kathedrale des Heiligen
Die verschiedenen Typen einer Reisegruppe – ein Thema, über das vermutlich viele Reiseleiter stundenlang berichten könnten. Einer der ersten Autoren, der die diversen Charaktere ausführlich schilderte, war Geoffrey Chaucer. In seinen berühmten Canterbury Tales, einer Vers- und Prosasammlung, beschrieb er Ende des 14. Jahrhunderts eine Wallfahrt von 28 Pilgern nach Canterbury, die sich die Reisezeit mit dem Erzählen von Geschichten verkürzten. Neben Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela gehörte Canterbury im Mittelalter zu den wichtigsten christlichen Wallfahrtsorten. Die Kathedrale beherbergte Schreine zahlreicher Heiliger, vor allem Thomas Becket, den man 1170 in der Kirche ermordete, wurde verehrt.
Noch heute ist die Kathedrale von Canterbury der Sitz des Erzbischofs, dem Oberhaupt der Anglikanischen Weltgemeinschaft. Ihre Geschichte ist mehr als acht Jahrhunderte alt, die verschiedenen Bauphasen spiegeln sich in ihrem Erscheinungsbild wider. In ihrem Inneren sind einige der großartigsten Beispiele mittelalterlicher Glasmalereien erhalten geblieben. So zeigt ein Fenster, das vermutlich aus dem Jahr 1176 stammt, Adam nach der Vertreibung aus dem Paradies mit einer Tierhaut bekleidet beim Umgraben eines Feldes.
Neben biblischen Szenen erzählen einige Glastafeln auch von den Taten und Wundern des heiligen Thomas Becket. König Heinrich II. machte 1162 seinen Kanzler zum Erzbischof von Canterbury. Dieser nahm das Amt sehr ernst und pochte mit Eifer auf das Recht der Kirche auf Unabhängigkeit von staatlicher Kontrolle. Vier Ritter nahmen die Wut ihres Königs darüber zum Anlass, Becket aufzusuchen und zu verhören. Er floh vor ihnen in die Kathedrale und wurde an dem heiligen Ort mit einem Schwerthieb geköpft. Bereits kurz nach seinem Märtyrertod wurde Canterbury zu einem Wallfahrtsort für Pilger. Besucher von heute offenbart eine Führung durch die beeindruckende Kathedrale einige ihrer Geheimnisse aus längst vergangenen Zeiten.